Wann ist ein Ei ein Schmetterling?

Folgender Text von mir ist in der Chile-Ziitig der evangelisch-refomierten Kirche Bäretswil erschienen (Ausgabe Juni/Juli 2017).

www.natur4ort.ch, Silvio Bartholdi

Ist Kreativität der Schlüssel zur Veränderung? Zur Zeit werden wieder grosse Fragen von namhaften Persönlichkeiten bewegt. So geschehen am Swiss Economic Forum (SEF) in Interlaken. Für MIT-Forscher Erik Brynjolfsson liegt der Ansatz für die grossen Veränderungen, welche die digitale Revolution mit sich bringt in der menschlichen Kreativität. Wer hätte geahnt, dass eines Tages Maschinen uns Menschen ebenbürtig oder gar überlegen sein werden? Laut Brynjolfsson gibt es dennoch Bereiche, worüber der Mensch den Maschinen zumindest auf absehbare Zeit die Oberhand behalten wird. Sie umfassen die menschliche Kreativität, das soziale Verhalten und den menschlichen Erfindergeist. Wenngleich der Fokus des Erwähnten auf der Digitalen Revolution liegt, ist uns Menschen der Umgang mit Veränderung nicht fremd, obwohl unser Verhältnis zu ihr ein ambivalentes ist. Manchmal erwarten wir sie sehnsüchtig, dann wieder sträuben wir uns gegen sie.

Ich freue mich über die neue Akzentuierung der Kreativität. Von der Wortbedeutung verstehe ich die Kreativität als Gabe in Bezug auf den Geber und der Schöpfung. Wir können und sollen unsere Gegenwart und Zukunft im allgemeinen Sinn kreativ angehen, in Verantwortung uns Menschen, Gott und seiner Schöpfung gegenüber. Sicher, unsere Kreativität in Verbundenheit unendlich vieler Faktoren der Schöpfung ist von unbegrenzter Komplexität. Gerade um sich in diesem Wellenmeer der Möglichkeiten unseres menschlichen Daseins zurechtzufinden, braucht es nicht nur unsere Kreativität für Veränderung, sondern auch eine Orientierungsgrösse, anhand welcher wir navigieren können.

Auf diesen Umstand zielt die zu Eingang des Leads gestellte, hintergründige Frage: „Wann ist ein Ei ein Schmetterling?“ Die Natur antwortet darauf mit der Metamorphose. Das griechische Nomen metamorphosis beschreibt die Wandlung von einem Zustand in einen anderen Zustand (oder auch Gestalt). Ein typisches Beispiel im Tierreich ist der Schmetterling. Von einem Ei schlüpft eine Raupe, welche sich am Ende ihres Lebens verpuppt und als Schmetterling schlüpft. Bezeichnenderweise gebraucht Paulus im Römerbrief 12,2 explizit diesen Begriff der Metamorphose, wenn er schreibt: „Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes (Denken), dass ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ Die von Paulus beschriebene Neuschöpfung unseres Denkens und somit auch unserer Kreativität nimmt noch mehr Kontur an beim Betrachten des Kontexts. Es ist mehr als nur ein neues Selbstverständnis. Der ihr zugrunde liegende Gedanke zielt auf die Gottesbeziehung und den neuen Lebenswandel von uns Christen hin. Die Lebenshingabe an Jesus Christus, die Taufe und die neue Gemeinschaft im Geist Gottes bilden dabei den Angelpunkt und Neuwerdung des Lebens. Hier geschieht Verwandlung, Altes vergeht und Neues kann werden. Glaube ist nichts Starres, sondern ein immerwährendes Verwandeln und Neuausrichten auf Gott.

Auch wenn vieles im Leben rein intuitiv geschieht, so wie das Atmen, habe ich mir bei grösseren Lebensthemen und Veränderungen folgende Fragen zurechtgelegt. Über die Jahre hinweg haben sie sich bewährt. Nebst Schriftlichkeit sind folgende Schritte wichtig:

Zeit und Ruhe, um sich mit der spezifischen Situation auseinander zu setzen. Das Ringen um eine lebensbejahende Einstellung soll im Vordergrund stehen.

Meine gegenwärtige Situation oder Thema (bsp. Arbeitsplatz Mobbing)

  1. Was fühle ich dabei?
  2. Was denke ich darüber?
  3. Wie handle ich dazu? – oder Ich beschliesse … (eine sinnvolle Handlung)

Durch oben genannten Prozess kann es gelingen, dass man aus der negativen Tunnelperspektive plötzlich wie ein Schmetterling den Problemberg umfliegt und neue Erkenntnisse und Perspektiven gewinnt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen liebe Leserinnen und Leser einen kreativen und inspirierenden Sommer!