Tourismus und die Angst vor Terrorismus

Als ich vor einem Jahr mit meinen beiden ältesten Söhnen Joshua und Jeremy die Reise nach Äthiopien antrat, war das Flugzeug ausgebucht, nicht so heute. Das lässt aufhorchen, denn in ein paar Tagen feiert die äthiopisch-orthodoxe Christenheit das wohl wichtigste Fest des Jahres, das Timkatfest.

Aus dem In- und Ausland machen sich Millionen von Menschen auf den Weg, um an diesen Feierlichkeiten teilnehmen zu können. Nicht wenige kombinieren diese zusammen mit anderen privaten Festen, wobei besonders Hochzeiten äusserst beliebt sind. Wenn diese auch noch an einem der berühmten Pilgerorte wie Lalibela oder Axum durchgeführt wird, verheissen sie besonders segensreich zu sein. Die Zeit um Weihnachten und Timkat ist aber auch einfach die Zeit der Familienzusammenkünfte. Wenn also die Flugzeuge oder auch Hotels zu dieser Jahreszeit nicht ausgebucht sind, lässt das aufhorchen!

Vor allem um die grossen christlichen Feiertage herrscht Hochbetrieb (Weihnachten / Genna, 7. Januar; Epiphania / Timkat, 19. Januar). Timkat ist das Gedenkfest an die Taufe von Jesus Christus im Fluss Jordan und gleichzeitig der Taufe aller Gläubigen. Weltweit bildet das Timkatfest eine Besonderheit innerhalb der christlichen Kirchen. Denn es ist auch das einzigartige Fest der alttestamentlichen Bundeslade (Replika), welche in einer Prozession aus der Kirche zu den Taufbecken auf einen öffentlichen Platz geführt wird. Die Aufbewahrung der Bundeslade in einem Zelt und deren ganzen Prozession geht bis ins 13. Jahrhundert zurück und wird auch heute noch von Millionen von Gläubigen aus aller Welt gefeiert. Besondere Pilgerorte sind die berühmten Felsenkirchen von Lalibela, welche zum UNESCO Weltkulturerbe gehören!

Aufgrund der politischen Instabilität und der Unruhen innerhalb Äthiopiens, aber auch der weltweiten Angst vor Terrorismus und kriegerischen Auseinandersetzungen, hat der Tourismus stark gelitten. Das hat auch seine Spuren in Äthiopien hinterlassen. In meinem Lufthansaflug gab es mehrere freie Sitzreihen. Noch härter hat es Turkish Airline getroffen. So berichteten mir einige Reisende, dass sie üblicherweise über Istanbul reisten, jedoch aus Angst vor Terror diese Destination und Fluggesellschaft meiden würden. Tourismus und die Angst vor Terrorismus passen zusammen wie der Teufel und das Weihwasser in der Kirche. Meine NZZ-Wirtschaftslektüre während des Flugs untermauert diese Feststellung mit harten Fakten zur Lage in der Türkei, wenn die Touristen aus lauter Angst dem Land den Rücken zukehren. Gleiches droht dem in jüngster Zeit eher wieder fragilen, aber wirtschaftlich aufsteigenden Äthiopien! Die technokratische Regierung hat an vielen Fronten zu kämpfen und sieht sich mit Herkulesaufgaben konfrontiert. So sind aufgrund der andauernden Dürreperioden über zehn Millionen Menschen von der Nahrungsmittelhilfe abhängig. Die Gründe dafür sind vielfältig, hängen aber auch mit der Abhängigkeit von der Subsistenzlandwirtschaft ab. Eindrücklich sind mir die Erlebnisse von meiner letzten Reise in Erinnerung geblieben, dreschende Ochsen, pflügende Gespanne und worfelnde Jugendliche, welche das Getreide von der Spreu trennen. Ein Leben wie vor tausenden von Jahren. Äusserst eindrücklich und das in einem Land, welches in den letzten Jahren ein extrem schnelles Wirtschaftswachstum von teilweise über 10% vorweisen kann. Dies war aber auch deswegen möglich, weil die Regierung ein Garant für Sicherheit und Stabilität ist. Aufgrund ihres repressiven Charakters führt dies jedoch auch zu Spannungen und neuen Herausforderungen in diesem Vielvölkerstaat. Gerade die Kosten im Bereich der Menschenrechte wurden jüngst auch von Barak Obama und Angela Merkel bei ihren Staatsbesuch in Äthiopien angesprochen. Mit Kritik nicht zu sparen ist ein Leichtes, solange man nicht direkt im Land tätig ist. Aber für NGO-Mitarbeiter ist dies eine heikle Gratwanderung. Ausländische Mitarbeiter werden mit Argusaugen beobachtet. Tobias Hagmann, Schweizer Politologe und Professor an der Universität Roskilde in Dänemark, ist für seine kritische Haltung gegenüber der äthiopischen Regierung bekannt. Für seine Forschungsarbeit direkt vor Ort hat dies Konsequenzen, so würde ihm von der Regierung keine Erlaubnis mehr erteilt werden (Eine Welt Nr.4/Dezember 2016). Der Umgang mit Kritik, auch mit aufbauender, positiver und gutgemeinter Kritik ist ein schwieriges Unterfangen. Auf sie ganz zu verzichten wäre heuchlerisch. Aber auf der anderen Seite wird durch das mimosenhafte Verhalten gegenüber der Kritik als Ganzes, ein diplomatisches Minenfeld sondergleichen geschaffen. Auch hier gilt, Angst ist ein schlechter Ratgeber. Es braucht Vertrauen und tragfähige Beziehungen, welche sich gerade auch in schwierigen Zeiten zu bewähren haben. Aus europäischer Sicht darf nicht vergessen werden, dass auch unsere Gesellschaftspolitischen Veränderungen ihre Zeit in Anspruch genommen haben. Eine gewisse Portion Demut scheint mir deswegen nicht fehl am Platz.

Denn die jetzige äthiopische Regierung ist um ihrer vielen Herausforderungen nicht zu beneiden. Vielmehr ist es dem Land und der Regierung zu wünschen, dass sie ihre Zukunft in Weisheit aktiv und friedlich gestalten kann zum Wohle aller Äthiopier. Dass dabei die Religionen eine nicht unwesentliche Rolle zu übernehmen haben, zeigt die allgemeine Popularität der Feiertage und der religiösen Institutionen im ganzen Land. Kirchen wie auch Moscheen haben hier ein friedensstiftendes Potential, durch welches sie der Angst und der Gewalt die Stirn bieten können.